Appeln - Hofhegnenberg

eine kleine Chronik über eine große Freundschaft verfasst von Michael Kreuzer

 

Die Wurzel der Freundschaft zwischen Appeln und Hofhegnenberg liegt in der Nähe des Ammersee's, im bayrischen Oberland. Der Einödhof Wolfsgrub, zur Gemeinde Dettenschwang gehörig, war der Ursprung einer langen Kette, die das Schicksal auf die sonderbarste Weise aneinander reihte.
Der Mann, der nach dem 2. Weltkrieg in Wolfsgrub bei dem Bauern Schmied im Arbeit und Brot aufkreuzte, hieß Rudi Herrmann. Er war ein unerschrockener Seemann, der weder Tod noch Teufel fürchtete und der nun sein Leben mit allen möglichen Kunststücken wieder ins rechte Fahrwasser zu bringen versuchte. Auf dem Bauernhof in Wolfsgrub wurde der Grundstein gelegt - Ludwig Schmied und Rudi Herrmann wurden Freunde fürs ganze Leben.

Rudi ging nach einiger Zeit in Richtung Norden und ließ sich in Appeln nieder. Die Verbindung zu Ludwig, der nach Althegnenberg in den Bauernhof von Anni Glück heiratete, wurde aufrecht erhalten.
Zur Olympiade in München 1972 vermittelte Rudi seinem Bruder Erwin Herrmann, der als Busfahrer zwischen Flughafen und Olympiadorf eingesetzt war, bei Ludwig in Althegnenberg ein Quartier. Erwin wohnte mit seiner ganzen Familie bei Ludwig und Anni.

Zum Gegenbesuch kam Ludwig im Jahre 1973 zu Pfingsten nach Appeln. Er fuhr nach Norden mit unbestimmten Gefühlen, denn für die Bayern ist da oben nichts anderes in Sicht, als "Preußen", soweit das Auge reicht.
Seine Überraschung war groß - wie er empfangen wurde, wie er tagelang im Mittelpunkt der überschwänglichen Pfingstfeierlichkeiten des Schützenvereins Appeln war, wie er in das Geheimnis des norddeutschen Korntrinkens eingeweiht wurde und wie er auf rätselhafte Weise einen 1. Preis im Schießstand eroberte.
All das war für ihn Verpflichtung und Anlass, 1974 wieder nach Appeln zu kommen und die Freundschaft zu erhalten bzw. zu erneuern. Nur wollte er die Fahrt nicht alleine wagen. Er suchte sich zwei Reisegefährten, die ihn auf einer kleinen Europatournee begleiteten.
Ludwig wollte zuerst Pfingsten in Appeln verbringen und dann nach Holland, Belgien und Frankreich - dort wollte er das legendäre Verdun besichtigen.
So kam es, dass Sepp aus Vogach und ich, Michael aus Hofhegnenberg von Ludwig als Reisebegleiter auserkoren wurden. Er erzählte uns die wundersamsten Dinge von Appeln, ihrer unübertroffenen Gastfreundschaft und vor allem von ihrer herzlichen Bayernliebe. Nur eines hat einen Teufel, wie er sagte: Der verfluchte Schnaps, in dem sie einen fast ersäufen.

Wir fuhren also voller Erwartungen los und schworen den Schnaps nicht anzurühren. Wir verließen Bayern bei strömenden Regen, erlebten eine schöne Fahrt nach Norden und fanden tatsächlich Appeln im Mittelpunkt von Norddeutschland.
Der erste Mensch, den wir in Appeln antrafen, war ausgerechnet Rudi Herrmann. Mit dem Besen in der Hand fegte er die Dorfstraße vor seinem Haus. Ich sehe noch heute seinen erstaunten Blick, als er das fremde Autokennzeichen musterte und wie sein Gesicht sich in eine strahlende Mine umwandelte, als er Ludwig erkannte.

Jetzt begann das, was jedem Besucher in Appeln passiert: ein Korn nach dem anderen, bei jeder neuen Bekanntschaft. Wir erlebten alle drei Appeln wie es uns Ludwig geschildert hatte mit all seinen Persönlichkeiten. Alle nahmen sich Zeit für uns. Vorher völlig fremde Menschen luden uns ein und bewirteten die drei Bayern in Appeln wie die Könige.
Wir lernten Hamburg kennen mit dem eindrucksvollen Hafen, die Elbtunnel und bummelten zur Information auch durch die Reeperbahn. Sehr eindrucksvoll war für uns die Fischindustrie in Bremerhaven. Der Columbusbahnhof und die vielen Schiffe.
Wir lernten die Umgebung von Appeln gründlich kennen. All das verdanken wir Rudi und Erwin Herrmann.
Wir erlebten das Schützenfest in Appeln, wie es später noch genauer geschildert wird. Einen besonders tiefen Eindruck hinterließ bei mir die überaus herzliche Sympathie, die uns der damalige König Hanning Vick entgegen brachte.
Schwer trennten wir uns von all den vielen neuen Freunden und fuhren auf unserer vorgesehenen Tour weiter. Ludwig lud die Appelner zur Einweihung des Althegnenberger Sportzentrums ein, was allerdings noch einige Jahre dauern würde.

In der folgenden Zeit gingen öfter Telefongespräche zwischen Nord und Süd hin und her. Dietmar Nordholz kam mit seiner Marlies bei Ludwig vorbei.
Dann kam etwas schreckliches. Ludwig starb ganz plötzlich am 15. März 1975 an Herzversagen. Willi Geils, Rudi Herrmann und Dietmar Nordholz fuhren zur Beerdigung nach Althegnenberg. Niemand wollte so recht glauben, dass Ludwig uns für immer auf dieser Welt verlassen hat. Schon am Tag der Beerdigung beschlossen wir die Freundschaft nicht verebben zu lassen sondern zu pflegen, so gut es ging.

Ich hatte in Appeln den Wunsch gehört, einige Leute würden sehr gern in Bayern ein Schützenfest miterleben. Allerdings müssten wir schon damit rechnen, dass die stattliche Zahl von 15 Mann ankommen würde. Althegnenberg kam wegen Ludwigs Tod nicht mehr in Frage. Da kam mir die Idee, wie wäre es mit unserem Schützenfest, an dem der Verein sein 100-jähriges feiert. Ich klopfte bei den Vorständen bei Zeiten auf den Busch, sie zögerten nicht einen Moment und stellten eine Einladung in Aussicht, die sie nach eingehender Beratung auch aussprachen.
In Appeln schlug diese Nachricht wie eine Bombe ein. Die Funktionäre des Schützenvereins sollen sich vor Aufregung angeblich die größten Räusche ihres Lebens angefüllt haben. Der Drang nach Süden war schlimmer als bei den Zugvögeln. So kam es, dass schließlich aus den angekündigten 15 Mann 52 Personen wurden, die sich am 21. Juli 1977 nach Süden in Bewegung setzten.
Fürs Erste eine gewaltige Aufgabe für uns, diese "Nordlichter" bei uns zu verteilen. Es gab ehrlich gesagt einige Probleme, denn nicht jeder war bereit, unbesehen einen "Preußen" zu beherbergen. Einige mussten wir wohl oder übel auswärts zum Teil in Gasthäusern unterbringen, was nicht ganz ideal war.

In Augsburg kam der zahlreiche Besuch am Donnerstagabend an. Wir holten unsere Gäste mit dem Bus vom Bahnhof ab. Eine Wiedersehensfreude war das für mich, obwohl ich nicht alle kannte. Bestimmt waren auch die Appelner Besucher mit gemischten Gefühlen nach Bayern gefahren. Wir empfingen sie mit bayrischer Blasmusik und einer Leberkäspartie für die ein Schwein sein Leben geopfert hatte.
Am Freitag den 22. Juli machten die Gäste aus Appeln eine kleine Rundfahrt ins Alpenland über Fürstenfeldbruck nach München fuhren wir durchs Olympiazentrum. An den Ufern des Starnberger Sees wurde Kaffeepause eingelegt, es war ein herrliches Wetter. leider reichte die Zeit nicht, um tiefer ins Gebirge vorzustoßen, so besuchten wir Kloster Ettal und verbrachten dort die Mittagspause. Anschließend besichtigten wir Schloss Lindenhof und fuhren über die Echelsbacher Brücke. Am Lech entlang ging es zum Kaffee Lechblick. Rückkehr am Abend und Bierzeltstimmung beschlossen den schönen Tag.
Samstag war frei für jeden. Da wurden bayrische Bullen besichtigt, Räusche ausgeschlafen und viele schlugen sich mit einer sudbayrischen Spezialität herum - mit dem Föhn.
Freiherr v. Gebsattel lud die Gäste zu einer Schlossbesichtigung ein. Der Höhepunkt des Festes, der Umzug am Sonntag fiel buchstäblich ins Wasser. Es regnete von früh bis spät ohne Unterlass, welch ein Jammer. Eines musste man den Appelner lassen, sie halfen jedes Mal kräftig mit, die Stimmung im Bierzelt anzuheizen. Als am Montag der Zug in Augsburg mit unseren Freunden aus dem Bahnhof rollte und alle noch einmal aus den heruntergezogenen Fenstern winkten, da stand ich plötzlich so einsam und verlassen da, dass mir einige Tränen aufstiegen.
Es waren wirklich großartige Leute, unsere lieben Freunde aus Appeln. An dieser Stelle möchte ich unserem Schützenverein Almenrausch Hofhegnenberg-Hausen für die Organisation, für die finanziellen Opfer und allen denen, die Gäste beherbergt haben einen ganz besonderen Dank sagen. Ich bin überzeugt, dass niemand es bereut hat, sich mit Appeln anzufreunden.

Das nächste große Ereignis war der Gegenbesuch. Vitus Friedl unser Vorstand, von Beruf Elektriker bei der Bundesbahn, handelte einen günstigen Tarif für die Reise aus. Anton Essigkrug war um die Zusammenstellung der Reisewilligen bemüht. Die beiden waren unermüdlich tätig, um die Musikkapelle Schmiechen zu überzeugen, nach Appeln mitzufahren.
Endlich war der Tag da. Der Schnellzug hielt extra in Mering an, um 94 Reisende aufzunehmen. Die Bahn gab uns sogar einen Reiseleiter mit. Die Reise war interessant. Wir fuhren bis auf einen halben Kilometer an der Zonengrenze entlang. Es gab ein Standkonzert der Schmiechener Kapelle in Hannover, wo uns Dietmar Nordholz erwartete. Er kaufte sofort den ganzen Bestand Schnaps im Zug und lud seine Gäste zu einem Begrüßungsschluck ein.
In Stubben warteten die Appelner Funktionäre im Regen. Der Spielmannszug aus Bokel begrüßte uns zum Empfang. Mit dem Bus fuhren wir nach Appeln. Ein Wiedersehen in Freude begann. Die Gastgeber brachten uns alle in private Quartiere unter. Anschließend gab es ein kaltes Buffet meisterlich angerichtet von Fernsehkoch Peter Mirow im Gasthaus Büttelmann. Die langen Appelner Nächte hatten begonnen.
Samstag wurden zwei Gruppen gebildet, eine fuhr nach Helgoland, die Zweite nach Bremen. Auch ein Wunder war geschehen, das Wetter war plötzlich so schön, wie es die Norddeutschen es schon lange nicht gesehen hatten. Die Helgoländer Gruppe führte Dietmar Nordholz die Bremische Emmo Louwes. Wir durchstreiften alles Sehenswerte und erlebten an diesem Tag einen Rathausbesuch und Hafenrundfahrt sowie einen Bummel durch die Böttcherstraße. Emmo wusste überall Bescheid vom Rathaus in Bremen bis zum letzten Maulwurfshaufen vor Appeln. Nur zum katholischen Güterbahnhof in Bremen musste er sich durchfragen. Am Abend war gemütliches Beisammensein am Brink.
Pfingstsonntag: Eines der schönsten Erlebnisse in Appeln war der gemeinsame Gottesdienst im Gemeindesaal mit dem evangelischen Pastor und dem katholischen Dechant. Anschließend großes Mittagessen bei Schützenkönig Nikolaus Wetjen. Dank an dieser Stelle auch an Nikolaus für diese Einladung. Der Umzug durch das Dorf zum Schützenheim kam anschließend. Preisschießen mit anschließenden Schützenball ließ den Pfingsttag ausklingen.
Montag gab es Katerfrühstück bei Büttelmann. Erbsensuppe mit Speck zu Mittag und Maibaum begießen waren fällig.
Das Abschiednehmen am Dienstag am Brink wollte kein Ende nehmen. Der Brink war erfüllt vom Schmatzen der Abschiedsküsse. Unsere Schmiechener Kapelle spielte die Bayernhymne. Einige mussten noch mit sanfter Gewalt in den Bus gedrängt werden, denn es war höchste Zeit zum Zug. Selten wird der Bahnhof in Stubben so viele Bayuwaren zu Gesicht bekommen haben. Durch eine Falschinformation stiegen wir in Bremen in den verkehrten Waggon. 190 Leute mussten ihre Plätze tauschen. Das war ein Geschiebe und Gedränge mit allem Gepäck und zum Teil riesigen Musikinstrumenten schlüpften wir aneinander vorbei. Als wir unsere Plätze endlich hatten, war der IC bereits in Hannover. Regen prasselte draußen herunter, die schönen Tage, die Petrus scheinbar extra für uns geschickt hatte, waren vorbei.
Ein unfreiwilliger Aufenthalt mit Lokschaden, bei dem ein Betrunkener noch die Notbremse zog, war noch ein kleines Reiseabenteuer. Wir kamen alle lebend, wenn auch nicht gerade gesund und ausgeschlafen wieder in Bayern an. Jeder schwärmte in den höchsten Tönen von dieser wunderbaren Reise, von dem gastfreundlichen Volk im Norden und von den vielen schönen Erlebnissen.

Eigentlich sollte heuer Appeln in Hofhegnenberg sein, aber in Anbetracht der großen Feste, die ihr feiert, hab ihr es euch nicht nehmen lassen, uns wieder in eure Mitte zu laden.
Wir sind gerne gekommen und freuen uns mit euch. Für alles, was ihr uns entgegen bringt, können wir im Moment nur von ganzen Herzen danken.

 

Gewidmet dem Schützenverein Appeln an Pfingsten 1980
Michael Kreuzer